Freitag, 12. Mai 2023

Camino Francés – Etappe 4 Pamplona - Muruzabál, 21km

Heute steht eines meiner großen Highlights auf dem Plan: der Alto del Perdón. Lächerliche 420m hoch und 540m runter ;)


In den letzten zwei Tagen hatte ich weniger Glück mit den Menschen in meinem Schlafsaal. Die Koreaner sind ja sehr freundlich, aber spätestens um 4:30 Uhr gehen deren Wecker und sie beginnen wie fleißige Ameisen mit ihren Stirnlampen hin- und herzulaufen, Hab und Gut zusammenzusuchen, nebenbei alle zu „blitzdingsen“, um sich dann mit dem Sonnenaufgang auf den Weg zu machen. Unglaublich freundlich, aber unumgänglich, dass für alle die Nacht beendet ist.


Mit der Gewissheit, ich habe heute Abend ein Bett, bin ich heute den ersten Tag ganz entspannt und bleibe bis 6:30 Uhr in meiner Koje. Heute geht’s für mich erst spät los. Kein Überholen und überholt werden, keine Teenager-Schulklassen mit dröhnenden JBL-Boxen… so der Plan…


Also gibt’s heute gaaanz entspannt in einer Bar ein leckeres Frühstück bestehend aus Café Cortado, einem frischen, selbstgemachten Croissant und Saft. 


Im Nachgang deutlich zu spät starten wir dann und kommen anfangs irgendwie nicht in den flow. Schon beim Anziehen meiner Schuhe grüßen die Griechen: Achilles im Doppelpack - naja, getaped und erstmal los… nach einem Kilometer ist klar: wenn ich so weitergehe, bekomme ich spätestens morgen richtige Probleme. Umgeswitched auf Flip-Flops - mega!


Von Pamplona aus führt der Jakobsweg durch das kleine Dorf Cizur Menor, wo früher ein Johanniterkloster stand, von dem jedoch nur die romanische Kirche San Miguel Arcangel erhalten blieb.

Der erste „Engel“ kreuzt unseren Weg: ein  Mann spricht uns an und gibt uns Tipps, wo am besten wir unser Wasser auffüllen können und gibt uns eine Telefonnummer für den Pilgernotruf an die Hand. „Wo auch immer ihr Pilger Hilfe braucht, kommen sie hin, holen euch ab und bringen euch zum Hospital“. Beruhigend. Warum steht das in keinem Pilgerführer?!

 

Ab Cizur Menor hält sich der Weg anfangs noch flach in der Ebene, ehe er langsam als Feldweg ansteigt, dann mehrere Kilometer stetig auf Schotterpisten bergauf geht. Der Weg führt hinauf zum Bergzug Alto del Perdón (Berg der Läuterung) auf eine Höhe von 770m. Schon von Weitem ist der Windpark mit 40 gigantischen Windrädern auf dem Bergkamm zu sehen. Schon vor vielen Jahrhunderten war dies ein heiliger Platz. Hier oben war ein Ort der Marienverehrung und zwei Einsiedeleien. Heute erinnert ein Gedenkstein an die Kapelle und das Pilgerhospital. Daneben wurde ein langer, eindrucksvoller, metallischer Pilgerkarawanenzug mit Menschen und Tieren errichtet, auf dem geschrieben steht: „Donde se cruza el camino del viento con el de las estrellas“ (Wo der Weg des Windes mit dem Weg der Sterne zusammentrifft).

 

Kurz unterhalb des Passes entspringt eine Quelle und es gibt einen Pilgerbrunnen.

Die Überlieferung berichtet, der Teufel habe von ihr einigen Pilgern zu trinken angeboten, so sie Gott abschworen. Die braven Pilger lehnten ab und bekamen später vom heiligen Jakobus persönlich Wasser gereicht.

 

In Muruzábal fürt der Jakobsweg durch prächtige Mohnfelder, die in den Startlöchern stehen, ins Dorf hinein und an zwei gut erhaltenen Palästen vorbei. Im Ort selbst steht eine Schnitzfigur des heiligen Jakobs.

 

Für uns ist hier der Weg zu Ende. Julia hat kein Bett, dafür Knöchelprobleme. Wir entscheiden in die nächste Bar zu gehen, zu essen und uns ein Taxi für die letzten 6km rufen zu lassen. Auch mir werden es die Griechen danken. 


Die Taxista ist unglaublich toll. „Engel“ Nummer zwei. Sie hört, dass Julia kein Bett hat… und nachdem sie mit Kopfschütteln fertig ist und uns erklärt, dass unser Ziel „completo“ ist, zückt sie ihr movil und tätigt diverse Anrufe. Nachdem sie ein Bett gefunden hat, erzähle ich ihr, dass ich der Griechen wegen in Flip-Flops über den Berg bin und sie wieder mit Kopfschütteln fertig ist - vermutlich eine gerne ausgeübte Tätigkeit ihrerseits ;) - fährt sie uns mitten in die Altstadt von Puente la Reina vor einen kleinen, tollen Trekkingladen. Shopping-Queen-mäßig hüpfen wir aus dem Taxi und steigen 5 Minuten später mit den besten Tevas ever wieder ein.


Welch ein aufregender Tag :)
























Mittwoch, 10. Mai 2023

Camino Francés – Etappe 3 Zubiri - Pamplona, 21 km

 Der Tag beginnt nach einem kleinen, aber sehr feinen Frühstück mit Café Cortado, dem besten Croissant ever und einem großen, frisch gepressten Orangensaft mit einem wunderschönen Abschnitt am Ufer des Flusses Arga, entlang von Wegen zwischen Buchen und Pinien. Sonne und Regen liefern sich heute ein Battle. Bei 7° in Zubiri gestartet, kommen wir bei 16° in Pamplona an.

 

Von Zubiri aus führt der Jakobsweg ins Dörfchen Larrasoaña, in dem sich die Häuser rechts und links der Hauptstraße reihen, die früher der Pilgerweg war.

 

Der breite Umgang vor der Kirche wurde errichtet, um den Pilgern Schutz vor schlechtem Wetter (und früher auch eine Schlafstätte) zu bieten.

 

In Villava (baskisch: Atarrabia) liegt die Herberge “Trinidad de Arre”, wo viele Pilger die Nacht verbringen. Der Ort beherbergt etwa 10.000 Einwohner und bietet einige bauliche Sehenswürdigkeiten, wie die sechsbogige mittelalterliche Brücke oder die Paläste in der Straße Calle Mayor. Ab nun ist der Camino städtisch.

 

Der Jakobsweg führt weiter durch Burlada bis ins Etappenziel nach Pamplona (baskisch Iruñea), der Hauptstadt der autonomen Region Navarra.

Die Stadt Pamplona ist über 2.000 Jahre alt und wurde in den vergangenen Jahrhunderten fünf Mal zerstört, zuletzt 1521 im Französisch-Spanischen Krieg. Das Pamplona von damals ist geprägt von Eroberungen, Schlachten und großen Herrschern. Heute präsentiert sich Pamplona als eine sehr sympatische, lebenswerte Stadt. Weltberühmt, aber sehr umstritten sind die Stierläufe mitten durch die Altstadt während der San Fermín.

 

In den Sommermonaten sind viele Pilger in Pamplona. Auf dem Weg in die Stadt wandert man über die mittelalterliche Magdalenenbrücke (Puente Magdalena) an den Festungsanlagen vorüber und gelangt durch das Frankentor (Puerta Fráncia) direkt in die Altstadt.

 

Gleich hinter der Magdalenenbrücke liegt 300m flussaufwärts eine Pilgerherberge am Ortseingang. Sie heißt “Casa Paderborn”, weil sie von den Pilgerfreunden Paderborn betrieben wird. 


Abends gab es Tapas in einer tollen, kleinen Tapasbar in Pamplona. So gut und günstig habe ich schon lange nicht mehr gegessen.








Auf den Spuren des Camino Ninja / RIP








Montag, 8. Mai 2023

Camino Francés – Etappe 1 Saint-Jean-Pied-de-Port – Roncesvalles - Burguete, 29 km

Die erste Etappe des berühmtesteten Pilgerweges der Welt, des Camino Francés, startet im französischen Ort St-Jean-Pied-de-Port, ist hart und spektakulär wie keine andere und führt knapp 25 km über den Grat der Pyrenäen nach Spanien bis nach Roncesvalles (und für mich wegen Bettenknappheit weiter nach Burguete).

 

Der Ort St-Jean-Pied-de-Port umfasst knapp 1.500 Einwohner und liegt im französischen Baskenland. Sein Name bedeutet “Heiliger Johann am Fuße des Passes”. Die Kleinstadt am Fuße dieses Passes ist die letzte Station der drei durch Frankreich verlaufenden Pilgerwege, bevor es nach Spanien geht.

 

Über 10% aller Pilger beginnen genau hier ihren 800 km langen Weg nach Santiago de Compostela.

 

Nach regionalem Frühstück und einer wundervollen, berührenden Zeremonie der Hospitaleros in der vermutlich nicht zu übertreffenden und liebevollsten Herberge ging es los: über die Pyrenäen auf den Spuren Napoleons. 


Auf der Hauptroute, die als Route Napoleon bekannt ist, führt der Weg gleich recht steil und gleichmäßig hinauf zum Ibañeta-Pass (Puerto de Ibañeta oder auch Col de Roncevaux), den im Jahre 778 schon Karl der Große bei seinem Spanien-Feldzug passierte. 


Auf den ersten 3km durch Klamottentüddelei ging direkt zu Beginn des Weges mein Haarband verloren (na prima, geht ja gut los). Weiter, immer weiter hinauf bis bei km7 etwa Orisson erreicht ist. Ein Refugio mit einer unglaublich tollen Terrasse bei atemberaubenden Panorama. Es gibt viele freie Plätze; ich möchte gerne direkt am Rand sitzen und so spreche ich eine Frau auf englisch an, ob ich mich dazu setzen dürfte. Und da guckt mich tatsächlich Julia aus Hamburg an und wir fallen uns vor Wiedersehensfreude gleich in die Arme. Verrückt. Ich berichte ihr von dem Verlust meines Haarbands und sofort zückt sie ihre Tasche und schenkt mir ihr Ersatzhaarband. Danke, Camino! Klar, dass wir ab hier zusammen weiter bis nach Roncesvalles gehen. An der Quelle wollen wir noch schnell unsere Wasserflachen auffüllen, bevor es weiter geht. Und völlig verrückt sitzen die Jungs aus Flensburg direkt am Tisch daneben. Unglaublich.


Julia und ich starten. Irgendwann holen die Jungs uns ein und wir bleiben eine Weile zusammen bis sie sich absetzen und  dann verschwunden sind.


Durch einen faszinierenden Buchenwald fällt der Weg nach Roncesvalles ab.

Nicht weniger als 1.258 Meter positive Steigung und 485 Meter negative Steigung hat diese Etappe im Gepäck.

Der Pass ist der kühlste Ort des gesamten Pilgerwegs nach Santiago und in den Wintermonaten gesperrt, da es dann nicht ungefährlich ist (im Winter und bei schlechtem Wetter bietet der Weg über Valcarlos entlang der Straßenverbindung eine sicherere Alternative).


Heute hatten wir bestes Wetter 18° und jeder hat einen Sonnenbrand als Souvenir von den Pyrenäen bekommen.

 

In Roncesvalles (baskisch Orrega, französisch Roncevaux, deutsch Tal der Dornensträucher) am Fuß des Ibañeta-Passes endet die erste Tagesetappe für Julia. Der Ort mit 30 Einwohnern liegt südlich des Passes auf 962m Höhe in der Autonomen Gemeinschaft Navarra und markiert eine wichtige Station für Pilger. Nun heißt nicht mehr „Bon Chemin“, sondern „Buen Camino“.

 

Im Augustinerkloster hole ich mir einen Stempel ab und mache mich auf die letzen 4km zu meiner Herberge in Burguete.

Duschen, Wäsche waschen, das erste Pilgermenü verspeisen.


Mit Schlafen sollte es heute nichts werden, da in unserem 8-Bett-Zimmer 3 starke Schnarcher mehrere Hektar Wald umgenietet haben.





















Sonntag, 7. Mai 2023

Anreise Sonntag, 07.05.2023

Pünktlich am Flughafen in Hamburg und am richtigen Check-In angekommen standen schon die ersten „Wegbegleiter“ Matthias und Kristof aus Flensburg in bestem Survival-Outfit mit Rucksäcken, behängt wie Weihnachtsbäume (Becher, Gitarre, Schuhe, Campingbedarf,… baumelten vor sich hin), direkt vor mir in der Schlange.

Julia (noch zurückhaltend), aber pilgermässig ganz eindeutig auszumachen, stand am Check-In direkt neben uns. 

Ein Wiederholungstäter-Pilger, bei dem die Chemie nicht so ganz hinhaute, wir ihn liebevoll Bernd-Peter nannten, tauchte immer mal wieder auf, um dann schnell wieder zu verschwinden.


So starteten an diesem Sonntagmorgen in Hamburg 5 Pilger. Von Helmut Schmidt nach Charles de Gaulle im brandneuen A220. Tolle, superfreundliche Flugbegleiterinnen, Madleines und Orangensaft und die sanfteste Landung ever. 


Zwischenstopp und Umsteigen in Paris. Weiter nach Bayonne in einer älteren Maschine, aber Kekse und Orangensaft bleiben. Tatsächlich sitzen wir 4 in einem Pulk und teilen Vorfreude, Gedanken und minimale Flugängste.


Keiner macht sich Gedanken, dass irgendetwas schief gehen könnte…

…Matthias, ein allgemein vorsichtig optimistischer Mensch, sagt noch: „Hauptsache die Rucksäcke kommen beim Umsteigen mit“ und so kommt es, wie es nach dem Gesetz der Anziehung kommen muss: bei den wenigen Gepäckstücken, die tatsächlich nicht mit uns umgestiegen sind und noch in Paris verweilen, ist auch Matthias Rucksack. 


Cindi wird vom Pilgershuttle abgeholt und die Jungs klären mit Hand und Fuß den Gepäckverlust. 


Ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof. Biarritz - Bayonne, Bayonne - St. Jean-Pied-de-Port. Sooo viele Pilger. Ich sitze neben einem älteren Pärchen aus Kanada. Der Mann erzählt mir auf einer Mischung von Englisch & Französisch von seinem vorherigen Camino und wir philosophieren über Pilger und Touris…


Angekommen in Saint-Jean-Pied-de-Port strömen Pilgermassen in die Stadt zum Pilgerbüro. Welch ein Wahnsinn!  


Meine glücklicherweise vorreservierte Pilgerherberge ist großartig. Das Haus ist hell und luftig, die Aussicht grossartig. Es gibt einen Meditationsraum, Entspannungsmusik im ganzen Haus und für 10€ darf man am vegetarischen Abendessen teilnehmen. Frühstück um 6:15 Uhr.


Nach der spannenden Anreise geht’s heute früh schlafen, morgen geht’s die Pyrenäen hinauf. Damit hätten wir die  härteste Etappe gleich am Anfang hinter uns gebracht.









Camino Francés – Etappe 2 Burguete – Zubiri, 19 km

Nach einer desaströsen Nacht mit gefühlt allen Schnarchern des Jakobswegs in meinem Zimmer habe ich um 5:00 Uhr das Revier geräumt. Katzenwä...